Warum viele Industriebetriebe ihre wahren Margen nicht kennen
Hier ist das Paradoxon: Je höher der Auftragsbestand, desto geringer kann der
tatsächliche Gewinn sein. Das widerspricht jeder betriebswirtschaftlichen Logik, ist
aber in der industriellen Praxis keine Seltenheit. Betriebe freuen sich über volle
Auftragsbücher, über neue Kunden und über wachsende Umsätze. Doch wenn am Jahresende die
Bilanz aufgemacht wird, bleibt weniger übrig als erwartet. Die Ursache liegt nicht in
mangelndem Engagement oder schlechter Verkaufsarbeit, sondern in einer Kalkulation, die
die wahren Kosten eines Auftrags nicht abbildet. Wer den Preis richtig setzt, aber die
Kosten falsch berechnet, verdient am Ende nichts – oder macht Verluste.
Das
Problem beginnt mit den sogenannten Nachkalkulationen. Viele Unternehmen führen sie
durch, aber nur wenige tun es richtig. Die typische Nachkalkulation vergleicht die
angesetzten mit den tatsächlichen Material- und Lohnkosten. Doch das ist nur die halbe
Wahrheit. Was fehlt, sind die Kosten, die nicht direkt dem Auftrag zugeordnet werden
können, aber dennoch durch ihn verursacht werden: die zusätzliche Qualitätsprüfung für
einen anspruchsvollen Kunden, die Überstunden, um einen Liefertermin zu halten, die
Sondertransporte, die Rückrufaktion wegen eines vermeidbaren Fehlers, die Zeit des
Geschäftsführers für die Klärung von Reklamationen. All das sind Auftragskosten, die in
der Vorkalkulation nicht vorgesehen waren und in der Nachkalkulation oft nicht erfasst
werden, weil sie in Gemeinkostenpositionen verschwinden.
Ein weiterer
Blindfleck ist die Kundenstruktur. Nicht jeder Kunde ist gleich profitabel, auch wenn
der Stückpreis identisch ist. Ein Kunde mit hohen Anforderungen an Dokumentation, mit
häufigen Terminänderungen, mit kleinen Losgrößen und mit langen Zahlungszielen
verursacht Kosten, die den scheinbar guten Preis schnell aufzehren. Umgekehrt kann ein
Kunde mit geringeren Anforderungen und pünktlicher Zahlung deutlich profitabler sein,
auch wenn der Auftragspreis niedriger erscheint. Wer diese Unterschiede nicht
systematisch erfasst, trifft Entscheidungen über Preise, Rabatte und Priorisierung auf
falscher Grundlage.
Die Skepsis gegenüber einer detaillierten Margenanalyse ist verständlich. Sie ist
zeitaufwendig, erfordert die Zusammenarbeit mehrerer Abteilungen und kann unbequeme
Erkenntnisse liefern. Niemand freut sich darauf, zu erfahren, dass der größte Kunde oder
das prestigeträchtigste Projekt eigentlich ein Verlustgeschäft ist. Doch die Alternative
ist schlechter: Unternehmen, die ihre wahren Margen nicht kennen, treffen Entscheidungen
im Blindflug. Sie investieren in Kapazitäten für unrentable Produkte, sie gewähren
Rabatte, die sie sich nicht leisten können, und sie priorisieren Aufträge, die den
Gewinn schmälern statt steigern.
Unser dreistufiger Ansatz zur
Margentransparenz beginnt mit einer Auftragsnachverfolgung über den gesamten
Lebenszyklus. Wir begleiten ausgewählte repräsentative Aufträge von der
Angebotserstellung bis zur Endabrechnung und dokumentieren alle Ressourcen, die
tatsächlich eingesetzt wurden. Dabei geht es nicht nur um direkte Kosten, sondern um
alle indirekten Einflüsse: Planungsaufwand, Qualitätskosten, Logistik, Kundenservice,
Finanzierungskosten durch verzögerte Zahlungen. Im zweiten Schritt ordnen wir diese
Kosten den jeweiligen Kunden und Produkten zu. Das Ergebnis ist oft überraschend:
Kunden, die als besonders wichtig gelten, erweisen sich als marginal oder defizitär.
Andere, die weniger Aufmerksamkeit erhalten, sind die eigentlichen Gewinnbringer. Im
dritten Schritt entwickeln wir ein vereinfachtes Steuerungsinstrument, das diese
Erkenntnisse für die laufende Entscheidungsfindung nutzbar macht – ohne die Komplexität
einer vollständigen Prozesskostenrechnung.
Ein konkretes Beispiel aus unserer Praxis: Ein Kunststoffverarbeiter mit 130
Beschäftigten erzielte mit seinem größten Kunden, einem Automobilzulieferer, einen
Jahresumsatz von 4,5 Millionen Euro. Die Kalkulation zeigte eine ordentliche Marge. Doch
eine detaillierte Nachverfolgung ergab, dass die häufigen Spezifikationsänderungen, die
strengen Qualitätsanforderungen und die Just-in-Time-Lieferung zu erheblichen
Zusatzkosten führten. Hinzu kamen lange Zahlungsziele und hohe Rückstellungen für
Gewährleistungsansprüche. Die tatsächliche Marge lag deutlich unter der kalkulatorischen
– in manchen Quartalen sogar im negativen Bereich. Auf dieser Basis verhandelte das
Unternehmen neue Konditionen, reduzierte die Variantenvielfalt und stärkte parallel die
Beziehung zu zwei kleineren, aber deutlich profitableren Kunden. Das Ergebnis: ein
stabileres, gewinnbringenderes Auftragsportfolio.
Kritiker werden einwenden,
dass eine solche Analyse zu detailliert sei und den Blick für das Große verstelle. Das
Gegenteil ist der Fall. Wer die wahren Margen seiner Produkte und Kunden kennt, kann
gezielter strategische Entscheidungen treffen. Er weiß, in welche Produkte er
investieren sollte, welche Kunden er aktivieren oder auch gezielt abgeben kann, und
welche Preisstrukturen langfristig tragfähig sind. Ohne diese Transparenz bleibt
Strategie ein Glücksspiel. Mit ihr wird sie zu einer planbaren, steuerbaren
Disziplin.
Für 2026 empfehlen wir Unternehmen, ihre Margenanalyse auf drei
Fragen zu prüfen. Erstens: Werden Nachkalkulationen tatsächlich durchgeführt, oder
bleiben sie eine theoretische Übung? Zweitens: Werden indirekte Kosten den
verursachenden Aufträgen und Kunden zugeordnet, oder verschwinden sie in allgemeinen
Gemeinkostenpositionen? Drittens: Fließen die Erkenntnisse aus der Nachkalkulation
zurück in die Vorkalkulation und Preisgestaltung, oder werden Fehler systematisch
wiederholt? Wer diese Fragen ehrlich beantwortet, findet meist erhebliches
Verbesserungspotenzial.
Die größte Hürde bei der Einführung einer transparenten Margenanalyse ist nicht die
Methodik, sondern die Akzeptanz im Unternehmen. Vertriebsmitarbeiter fürchten, ihre
Rabattfreiheiten zu verlieren. Produktionsleiter befürchten, zusätzliche Kontrolle.
Geschäftsführer müssen möglicherweise eingefahrene Kundenbeziehungen infrage stellen.
All das ist unbequem, aber notwendig. Deshalb gehört zu unserem Ansatz immer auch die
Einbindung der betroffenen Führungskräfte. Wir zeigen nicht nur die Zahlen, sondern
erklären auch, was sie bedeuten und welche Handlungsoptionen sich daraus ergeben. Das
Ziel ist keine Schuldzuweisung, sondern eine gemeinsame Verbesserung der
wirtschaftlichen Ergebnisse.
Ein weiterer Aspekt, der oft übersehen wird, ist
die Dynamik der Margen. Eine Kalkulation, die heute stimmt, kann morgen falsch sein.
Rohstoffpreise ändern sich, Wechselkurse schwanken, Logistikkosten steigen,
Kundenanforderungen werden anspruchsvoller. Eine gute Margenanalyse muss deshalb
regelmäßig wiederholt werden – nicht jährlich, sondern quartalsweise oder bei
signifikanten Veränderungen. Das erfordert Disziplin und Ressourcen, aber es ist die
einzige Möglichkeit, frühzeitig zu erkennen, wenn ein profitable Geschäftsfeld seine
Attraktivität verliert.
Wir begleiten mittelständische Industriebetriebe bei
der Analyse und Optimierung ihrer Margenstruktur. Unverbindlich, ohne Softwarezwang und
mit dem klaren Ziel, dass das Unternehmen am Ende selbstständig weiterarbeiten kann. Die
Erkenntnisse gehören dem Betrieb. Unsere Aufgabe ist es, den Blick für das
Offensichtliche zu schärfen – das Offensichtliche, das in der täglichen Hektik oft
übersehen wird.